Via del Campo

Via del Campo c’è una graziosa
In der Via del Campo gibt’s eine Grazie
gli occhi grandi color di foglia
mit Augen blätterfarben und gross
tutta notte sta sulla soglia
die ganze Nacht steht sie auf der Schwelle
vende a tutti la stessa rosa.
allen verkauft sie die selbe Rose.

Via del Campo c’è una bambina
In der Via del Campo gibt’s ein Mädchen
con le labbra color rugiada
mit Lippen frisch wie der Tau
gli occhi grigi come la strada
mit grauen Augen wie die Strasse
nascon fiori dove cammina.
wo sie geht wachsen Blumen.

Via del Campo c’è una puttana
In der Via del Campo gibt’s eine Hure
gli occhi grandi color di foglia
mit Augen blätterfarben und gross
se di amarla ti vien la voglia
wenn du Lust bekommst sie zu lieben
basta prenderla per la mano
genügt es, sie bei der Hand zu nehmen.

e ti sembra di andar lontano
und dir scheint, als gingest du weit fort
lei ti guarda con un sorriso
sie schaut dich an mit einem Lächeln
non credevi che il paradiso
du glaubtest nicht, das Paradies
fosse solo lì al primo piano.
sei gleich dort im ersten Stock.

Via del Campo ci va un illuso
In der Via del Campo geht ein Enttäuschter
a pregarla di maritare
um sie um ihre Hand zu bitten
a vederla salir le scale
um sie die Treppe hochsteigen zu sehen
fino a quando il balcone ha chiuso.
bis der Balkon geschlossen wird.

Ama e ridi se amor risponde
Liebe und lache, wenn Liebe dir antwortet
piangi forte se non ti sente
weine laut, wenn sie dich nicht erhört
dai diamanti non nasce niente
aus Diamanten wachst nichts
dal letame nascono i fior
aus dem Mist aber wachsen Blumen
dai diamanti non nasce niente
aus Diamanten wachst nichts
dal letame nascono i fior.
aus dem Mist aber wachsen Blumen

1958 war es, als der 15-jährige Schallplattenverkaufsgehilfe Gianni Tassio den 18-jährigen Studenten Fabrizio De André traf, der auf der Suche nach einer Platte von George Brassens war. Wer dieser Junge sei, habe De André den Ladenbesitzer gefragt. Der habe ausweichend etwas von einer guten Tat gemurmelt und davon, dass die Mutter des Jungen, na ja, Sie wissen schon. Daraufhin habe De André den Ladengehilfen zum Essen eingeladen, was dem zunächst gar nicht recht war: Ich dachte schon, er sei schwul, sagt Gianni Tassio. Welches Interesse hätte dieser verwöhnte Bürgersohn sonst an ihm haben können, an ihm, dem Sohn der Hure Lilli, die jeder in der Via del Campo kannte?

Dann, beim Essen, fragte Fabrizio De André ihn: Was hast du gefühlt, als du erfahren hast, dass deine Mutter Prostituierte ist? Gianni Tassio zögerte zu antworten. Es machte ihn misstrauisch, dass sich ein Fremder für seine Gefühle interessierte. Vielleicht ahnte er, dass hier ein Poet für seine Inspiration ein Stück Leben brauchte. Aber dann gab er ihm doch eine Antwort: Wie soll ich mich schon gefühlt haben, sagte er. Wie ein Stück Scheisse.

Mist lässt Blumen gedeihen, habe Fabrizio De André erwidert, ein Satz, der klingt wie ein Kalenderspruch. Aber dann komponierte er das Lied Via del Campo und sang ‚Dai diamanti non nasce niente / dal letame nascono i fior‘, aus Diamanten wächst nichts, und der Mist lässt Blumen gedeihen; und zum ersten Mal hatte Gianni Tassio das Gefühl zu existieren. Diese zwei Zeilen, das war er. Auf ewig.

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