Amico fragile

Evaporato in una nuvola rossa
Verdunstet in einer roten Wolke
in una delle molte feritoie della notte
in einer der vielen Schiessscharten* der Nacht
con un bisogno d’attenzione e d’amore
mit einem Bedürfnis nach Beachtung und Liebe
troppo, „Se mi vuoi bene piangi“
zuviel von: „wenn du mich gern hast, dann weine“
per essere corrisposti,
um erwidert zu werden

valeva la pena divertirvi le serate estive
es war der Mühe wert euch an den sommerlichen Abenden zu unterhalten
con un semplicissimo „Mi ricordo“:
mit einem einfachen: „Ich erinnere mich daran“:
per osservarvi affittare un chilo d’erba
um euch zu beobachten, wie ihr ein Kilo Gras vermietet
ai contadini in pensione e alle loro donne
an Bauern in Pension und an ihre Frauen
e regalare a piene mani oceani
und wie ihr mit vollen Händen Ozeane verschenkt
ed altre ed altre onde ai marinai in servizio,
und weitere Wellen an Matrosen im Dienst
fino a scoprire ad uno ad uno i vostri nascondigli
bis ich eines nach dem anderen eurer Verstecke entdecke
senza rimpiangere la mia credulità;
ohne meine Leichtgläubigkeit zu bedauern
perché già dalla prima trincea
weil bereits vom ersten Schützengraben an
ero più curioso di voi
war ich neugieriger als ihr
ero molto più curioso di voi.
war ich viel neugieriger als ihr

E poi sospeso tra i vostri „Come sta“
Und dann zwischen euren „Wie geht’s dir?“ schwebend
meravigliato da luoghi meno comuni e più feroci,
verwundert über Gemeinplätze – weniger gemein, dafür umso grausamer
tipo „Come ti senti amico, amico fragile,
in der Art: „Wie fühlst du dich, Freund, zerbrechlicher Freund,
se vuoi potrò occuparmi un’ora al mese di te“
wenn du willst, opfere ich dir eine Stunde im Monat“
„lo sa che io ho perduto due figli“
„Wissen Sie, ich habe zwei Kinder verloren“
„signora lei è una donna piuttosto distratta“
„Signora, Sie sind eine eher zerstreute Frau“

E ancora ucciso dalla vostra cortesia
Und noch getötet von eurer Höflichkeit
nell’ora in cui un mio sogno
in der Stunde, in der einer meiner Träume,
ballerina di seconda fila,
Tänzerin der zweiten Reihe
agitava per chissà quale avvenire
il suo presente di seni enormi
bewegt für wer weiss was für eine Zukunft
ihre Gegenwart aus riesigen Brüsten
e il suo cesareo fresco,
und ihren frischen Kaiserschnitt
pensavo è bello che dove finiscano le mie dita
ich dachte, es ist schön, wenn dort, wo meine Finger enden,
debba in qualche modo incominciare una chitarra.
eine Gitarre auf irgendeine Art beginnt.

E poi seduto in mezzo ai vostri arrivederci,
Und wenn ich mitten in euren „Auf Wiedersehen“ sass
mi sentivo meno stanco di voi
fühlte ich mich weniger müde als ihr
ero molto meno stanco di voi
war ich viel weniger müde als ihr
Potevo stuzzicare i pantaloni della sconosciuta
Ich hätte die Hosen einer Unbekannten reizen können
fino a vederle spalancarsi la bocca
bis ich sie den Mund aufreissen sah.
Potevo chiedere ad uno qualunque dei miei figli
Ich hätte von jedem meiner Kinder verlangen können
di parlare ancora male ad alta voce di me
weiter mit lauter Stimme schlecht von mir zu sprechen
Potevo barattare la mia chitarra e il suo almo
Ich hätte meine Gitarre und ihre Seele eintauschen können
con una scatola di legno che dicesse perderemo
gegen eine Holzschachtel, die sagt: wir werden verlieren
Potevo chiedervi come si chiama il vostro cane
Ich hätte euch fragen können, wie euer Hund heisst
il mio è un po‘ di tempo che si chiama Libero
ich habe seit einiger Zeit einen, der Libero heisst
Potevo assumere un cannibale al giorno
Ich hätte täglich einen Kannibalen (einen grausamen Menschen) einstellen können
per farmi insegnare la mia distanza dalle stelle
mir meine Entfernung zu den Sternen zu zeigen
Potevo attraversare litri e litri di corallo
Ich hätte Liter um Liter von Corallo durchqueren können
per raggiungere un posto che si chiamasse arrivederci.
um einen Platz zu finden, der sich „Auf Wiedersehen“ nannte

E mai che mi sia venuto in mente,
Und nie wäre es mir in den Sinn gekommen
di essere più ubriaco di voi
dass ich betrunkener wäre als ihr
di essere molto più ubriaco di voi.
viel betrunkener wäre als ihr

* De André schrieb das Lied Amico Fragile in einem Zustand höchst depressiver Verstimmung und vollkommen betrunken in nur einer Nacht. Er war von der Gleichgültigkeit seiner Mitmenschen über die damalige politische und gesellschaftliche Lage Italiens zutiefst enttäuscht.
Er wurde häufig in hohe Gesellschaftskreise eingeladen, doch die Gastgeber sahen in ihm nur ein Unterhalter mit Gitarre, der ihnen die Abende kurzweilig gestalten sollte.
Das Wort „feritoia“ leitet sich aus „ferire“ (verletzen) ab.
Es bezeichnet die kleinen Öffnungen in den Mauern von Burgen und anderen Befestigungsanlagen, von denen aus Angreifer beschossen wurden. De André könnte damit die Menschen meinen, die ihm durch ihr Verhalten und ihre Gleichgültigkeit die seelischen Wunden beigebracht haben, die ihm viele Jahre seines Lebens zu schaffen gemacht haben.
Oder die „feritoia“, dieser kleine Spalt, symbolisiert die Fluchtmöglichkeit (Alkohol, Drogen) aus der beklemmenden Enge der Nacht.

O-Ton F. de André:
Amico Fragile ist so entstanden: als ich noch mit meiner ersten Frau zusammen war, wurde ich eines Abends nach Portobello di Gallura eingeladen. Ich besaß dort seit 1969 ein Haus in einer dieser Ghettos an der Sardischen Nordküste. Im Sommer war es voll von Römern und Mailändern. Sie haben mich abends zu sich eingeladen und es endete für mich immer mit der Gitarre in der Hand.
Eines Abends habe ich versucht zu sagen: warum reden wir nicht über … Es war die Zeit, als Papst Paul VI die Sache mit den Exorzismen herausgebracht hatte. Ich sagte: „lass uns über das, was in Italien geschieht, reden.“ Nicht mal daran denken, ich sollte spielen. Daraufhin hatte ich die Schnauze voll, habe mich auf unverschämte Art und Weise betrunken, alle beleidigt und bin nach Hause gegangen und habe „Amico fragile“ geschrieben.
Ich habe es betrunken und in einer Nacht geschrieben. Ich erinnere mich, dass etwa um acht Uhr morgens meine Frau mich gesucht hat, da ich nicht im Bett lag und auch sonst nirgendwo im Haus zu finden war. Sie fand mich schließlich, wie ich gerade das Lied fertig schrieb, in einer Art Vorratskammer, einem Raum ohne Möbel, in dem ich mich zurückgezogen hatte.

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